Die meisten Leute können sich unter Geografie nur wenig vorstellen und denken vielleicht an die letzte 5 in Erdkunde oder weltbewegende Fragen, wie wohl die Hauptstadt von Burkina Faso heißt oder wie hoch der höchste Berg Australiens ist. Aber: Geografie ist mehr.
VIEL mehr!
NEEF ET AL. (1981) definieren „Geografie“ mit einen ellenlangen Artikel, der damit beginnt: „umfassender Wissenschaftsbereich, der die Erforschung der Land- und Meeresräume der Erdoberfläche zum Gegenstand hat“. Gewiss ist diese Definition recht unhandlich und erklärt die o. g. Frage, wenn überhaupt, nur ansatzweise. Aber sie zeigt auf jeden Fall, dass Geografen in den unterschiedlichsten Bereichen tätig sein können (und sind). Tritt allerdings mal ein Geograf an die Öffentlichkeit (z.B. im Fernsehen), ist er fast nie ein “Geograf”, sondern meistens ein “Experte” für irgendwas.
Warum Informatiker, Agrarwissenschaftler oder meinetwegen Sudan-Archäologen (um mal etwas ziemlich ausgefallenes zu erwähnen) eine deutlich höhere Reputation genießen, liegt m. E. daran, dass beim Geografen die „Berufsbezeichnung“ nicht stimmt. Wenn ein Informatiker Programme schreibt oder ein Sudan-Archäologe im Museum oder meinetwegen im Sudan irgendwelche Scherben zählt, ist das wenig verwunderlich. Aber wenn ein Geograf, statt neue Kontinente zu entdecken (… ein bisschen zu spät dafür, nichwahr?) oder Fünfen in Erdkunde zu verteilen (doch eher Aufgabe eines Lehrers – oder?) sich bezahlterweise Gedanken über Diversität macht oder ein anderer Standortanalysen für Unternehmen erstellt, dann fragt sich der in jeder Hinsicht gemeine Sterbliche: „Was hat das mit Geografie zu tun“?
Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Die Leute erwarten, dass die „Überschrift“ des Studiums auch irgendwie etwas mit der zukünftigen Tätigkeit zu tun hat. Und schon beißt sich die Katze in den Schwanz! Denn da „die“ Geografen es bis heute nicht geschafft haben, ihr Fachgebiet eindeutig zu definieren (jedenfalls so, dass ein Normalsterblicher das auch genauso einfach versteht wie die Begriffe „Biologie“ oder „Verfahrenstechnik“) oder es zumindest vernünftig zu “vermarkten”, hat die Allgemeinheit eher recht diffuse Vorstellungen von Geografie. Sei es, wie es sei, jedenfalls macht mein Geografie-Studium aus mir per se keinen Forschungsreisenden oder Pauker. Was aber dann?
Seit mehreren Jahren (schon während meiner Studienzeit) beschäftige ich mit landschaftsökologischen Zusammenhängen, also mit denen zwischen belebter und unbelebter Natur in der Landschaft. Unabdingbarer Bestandteil letzterer (und das kann gar nicht genug betont werden) ist auch die sie prägende Tätigkeit des Menschen, der die uns umgebenden „Natur“ im Laufe der Jahrtausende zu einer Kulturlandschaft geformt hat.
Meine Arbeit findet zur einen Hälfte „draußen“, zur anderen „drinnen“ statt. „Draußen“ werden möglichst fundierte Daten erhoben, „drinnen“ die Ergebnisse ausgewertet und miteinander in Beziehung gesetzt. Das kann schnell gehen oder sich über ein oder sogar mehrere Jahre erstrecken – je nach Aufgabenstellung und Auftraggeber.
Kurzum: Der unbedarfte Spaziergänger trifft mich in der „freien Landschaft“ in der Regel mit Notizbuch, Fernglas, Kescher, Spaten und/oder Notizbuch an. Oder in einer Bibliothek. Und vielleicht findet er später das eine oder andere Resümee dieser undurchsichtigen Tätigkeiten in irgendwelchen Veröffentlichungen irgendwelcher Ämter oder anderer „Träger öffentlicher Belange“.
Da diese Tätigkeiten leider nicht meine ganze Arbeitszeit in Anspruch nehmen, arbeite ich auch als freier Dozent bei einem nicht minder freien Bildungsträger und als Museumspädagoge am Museum für Naturkunde. Ersteres macht durchaus Spaß, letzteres ist schon irgendwie ein Traumjob!
Literatur:
NEEF, E. ET AL. (1981): Das Gesicht der Erde, Verlag Harri Deutsch, Thun, Frankfurt a.M.

